Anonym [1686] "Franckreich"

Franckreich Wage nicht zu viel!
Worinnen Dessen nimmer=ruhende Monarchische Anschlaege/ weit=außsehende Messures, und verschiedenes Vornehmen; Auch zum Theil Die Politischen Intriguen an den Hoefen in Europa/ deroselben Staatsziel/ Fortgang und Hindernuesse/ auch was dieselbe noch endlich vor einen Außgang gewinnen moechten/ Nebst vielen curieusen Denckwuerdigkeiten unpartheyisch beschrieben werden.
[s. l.] Gedruckt im 1686. Jahr.

Zitierweise: Rolf Felbinger: Quellenautopsie "Anonym (1686) Franckreich", in: Europabegriffe und Europavorstellungen im 17. Jahrhundert. Web-Projekt, Wolfgang Schmale (Dir.). https://europaquellen.univie.ac.at/einzelansicht/news/anonym-1686-franckreich/

Schlagworte: Christenheit; Frankreich; Frieden; Heinrich IV. von Frankreich; Streitschrift; Universalmonarchie;

Fundort: BSB / 4 Diss. 557

A) KurzbiographieB) Beschreibung der Quelle C) Europabegriff und -vorstellung des anonymen Verfassers

 

A) Kurzbiographie

[Anonymer Verfasser]

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B) Beschreibung der Quelle

Bei der 60 Seiten umfassenden Quelle handelt es sich um eine politische Streitschrift, die sich in erster Linie gegen die Hegemoniebestrebungen Frankreichs innerhalb Europas, aber auch in überseeischen Gebieten (Nordafrika, Amerika, Indien, Japan) richtet. Sie wurde 1686 anonym und ohne Angabe eines Druckortes publiziert und enthält neben dem Titelkupfer eine Vorrede sowie 29 fortlaufende Kapitel, wobei die letzten drei Abschnitte als eine Art Resümee angelegt sind, das die im Titel ausgesprochene Warnung noch einmal bekräftigt. Der Verfasser stützt sich dabei in seinen Anschuldigungen auf die Ereignisse seit Ausbruch des Holländischen Krieges (1672) und greift nur gelegentlich auf frühere Vorkommnisse (Vereinbarungen im "Westfälischen Frieden") zurück, wodurch die Aktualität seiner Warnung (vgl. hierzu die zeitgleich herausgegebenen Schriften Anonym [1684] "Staats=Perspectiv"Anonym [1684] "Franckreich" oder Anonym [1686] "Rath-Stube") unterstrichen wird.
In der Vorrede verwendet er zur Beschreibung Frankreichs und seiner staatspolitischen Ziele die Metapher eines mächtigen Uhrwerks ("Franckreich ist nunmehro von etlichen Jahren gleichsam ein nimmerruhendes Uhrwerck gewesen/ welches durch so verschiedenen Laut und Würckung fast gantz Europa auffmercksam gemacht; ungleiche Mesures zu nehmen veranlasset/ ja auch wohl gar wider seinen Willen in den Harnisch gebracht hat ... Zu solchen unglueckseligen Zeiten schwebete nun Europa/ in dem es bald von diesen bald von jenen Orthe eines empfindlichen Streiche sich befahren/ und gleichwohl einem so verdaechtigen Staats-Uhrwercke seinen Lauff ungehindert lassen/ ja noch dazu seines theils die ersinnlichsten Friedens-Bezeugungen erweisen/ oder sich nach dessen arbitrage richten muste;"), nach dessen Lauf und Takt sich die Monarchien und Republiken Europas richten sollen. Hinter allen Bemühungen verbirgt sich jedoch nur der Wunsch Ludwigs XIV., ganz Europa durch die Errichtung einer Universalmonarchie unter seinen Einfluss zu bringen. Sein Ziel wäre dann erreicht, wenn es ihm gelingen sollte, die deutsche Königs- und die römische Kaiserkrone entweder für sich selbst oder den Dauphin ("allen Umstaenden nach/ die Fünffte und eine universale Monarchie dem jetzigen Dauphin in Frankreich zu prognosticiren") zu erringen. Seine Kriege gegen die Vereinigten und die Spanischen Niederlande seien deshalb nur als vorbereitende Maßnahmen zu verstehen, die für seinen Weg ins Reich unerlässlich sind. Die unrechtmäßige Inbesitznahme der alten Reichsstadt Straßburg im Jahr 1681 und die Vorgänge in der Pfalz nach dem Tod des letzten Kurfürsten (1685) seien sichere Indizien für diese Strategie ("erst der Holländische Löwe, dann der Römische Adler", um sich "durch gantz Europa auß[zu]breiten") Frankreichs. Auf Friedensangebote und -verträge könne in dieser Hinsicht nicht mehr vertraut werden, da sie zu sehr instrumentalisiert, missachtet und übergangen werden, was die gegenwärtige Situation noch erschwert: "Die Beschaffenheit gegenwaertiger Zeit ist so unglueckselig/ daß man Frieden in Frieden suchen/ und im Frieden selber Frieden zu machen/ gesuchet werden muß. Europa hat die Vergiessung des Christen=Bluts zu stillen/ zu Muenster in Westphalen viel Jahr lang allen Fleiß und Sorgfalt angewendet/ dass zu dem Frieden Rath moechte geschaffen werden; Es hat auch neulich dasselbe zu Niemaegen noch groessere Bemuehungen dazugethan/ und hat doch durch die allersinnlichste Klugheit die Art nicht erfinden koennen/ dass auch nach zweymahl gemachten Frieden dem Friede moechte geholfen werden; Es ist aber alles/ .../ dergestalt wieder verringert/ dass nichts zweifelhafftiger zu seyn scheinet/ als der Friede in dem Frieden selber."
Auch abseits des politisch-militärischen Geschehens werden von Versailles allerlei geheime diplomatische (Hofintrigen, Seperatverhandlungen, "schlaue Staats-Streiche") und finanzielle Vorbereitungen (Subsidienzahlungen) getroffen, um dem Ziel näher zu kommen. Alle Höfe Europas sind durch diese Strategie also nicht nur mittelbar, sondern unmittelbar betroffen und werden vom Autor zu Wachsamkeit und Gegenwehr aufgerufen. Als Beispiel dient ihm unter anderem der Allianzwechsel in der englischen Außen- und Kriegspolitik des Jahres 1675. Damals hätte der englische Monarch Karl II. erkannt, dass sich der Sonnenkönig nicht mit den Niederlanden begnügen würde, die eigenen Wirtschaftsinteressen bedacht und fortan das Bündnis mit den Generalstaaten gesucht. Ähnliche Vorgänge stellt er schließlich auch in Bezug auf Spanien, Polen oder die Schweizer Eidgenossenschaft fest. Schließlich hätten die Pläne Ludwigs XIV., der in gewisser Weise dem Vorbild seines Großvaters Heinrich IV. nacheifere, aber eine andere Dimension erreicht, da er seit der Belagerung Wiens (1683) nicht nur die bedrängte Situation von Kaiser und Reich, sondern des gesamten christlichen Europas nutze, um sein Vorhaben voranzutreiben. In diesem Zusammenhang sagt ihm der Verfasser aber voraus, dass sein Wunsch, das römische Kaisertum an sich zu reißen, niemals von Erfolg gekrönt sein kann, weil "niemand zu der Roemischen Crone tuechtig/ welcher nicht ein Teutscher/ oder von Teutschen Gebluet unmittelbar entsprossen ist" und er an seinen nicht einlösbaren Erwartungen scheitern werde. Die Streitschrift endet mit der Abkürzung "S[oli]. D[eo]. G[loria].".

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C) Europabegriff und -vorstellung des anonymen Verfassers

Der Verfasser versteht unter dem Begriff "Europa" die Summe aller Monarchien und Republiken, die durch die gemeinsame christliche Religion miteinander verbunden sind. Zu dieser konfessionsübergreifenden Verbindung zählt er neben Kaiser und Reich namentlich "Spanien, Portugall, die Spanischen und Vereinigten Niederlande, Engelland und Schottland ("Groß=Britannien"), Schweden, Dännemarck, Pohlen, Moscau, Ukraine, Ungarn, Italien (einschließlich der "Repuliq Venedig" und des "Päbstlichen Stuhls") und die Confoederirte Schweitz". Bedrängt wird diese christliche Wertegemeinschaft durch den alle bedrohenden Erbfeind ("Groß-Sultanat", "Ottomanische Pforte"), der nicht zu Europa zählt und dessen Abwehr und Zurückdrängung ein alliiertes Vorgehen erfordert. In dieser Hinsicht erklärt sich der spezielle Status Frankreichs, das aus räumlicher und christlich-kultureller Perspektive zu "Europa" zählt, sich aber durch seinen Verrat am christlichen "Europa" als Außenseiter und Feind sämtlicher, folglich nicht nur seiner unmittelbar angrenzenden Nachbarn erweist. Die Tatsache, dass Ludwig XIV. trotzdem den Titel des "Allerchristlichen Königs" führt, täuscht nicht nur nicht über seine Heuchelei hinweg, sondern versinnbildlicht sie geradezu und erhärtet die Schwere des ludovizianischen Verrats. Es erscheint evident, dass er nicht vonchristlichen, sondern lediglich von persönlich motivierten Zielen geleitet wird.
In den Augen des anonymen Verfassers trachtet der Sonnenkönig im Speziellen danach, die "Europapläne" seines Großvaters zu vollenden, doch hegt er - im Gegensatz zu den nicht eindeutig bewerteten Absichten Heinrichs IV. - keinen Zweifel, dass der jetzige König eine Universalmonarchie lediglich aus persönlichem Eigennutz und Machtstreben zu verwirklichen sucht: "Dasselbe ... gieng dahinauß wie er [Heinrich IV.] alle Europaeische Potentaten und Herrschafften dergestalt vereinigen und in ein solch Æquilibrium potentiæ zu bringen/ dass keiner sich vor dem andern zu fürchten/ sondern jedweder mit seinem Nachbar Frieden halten muesse; so dann wolle er mit einer auß gantz Europa zusammengebrachten Armeen auff den allgemeinen Frieden=Stoehrer den Tuercken loßgehen/ und dessen Macht dergestalt entkraefften/ dass die Christenheit wenig mehr vor ihme fuerchten duerffte. Dieses grosse Vorhaben Königs Heinrici IV. hatte zwar aeusserlich ein plausibel Ansehen; es vermeinten aber andere Potentaten/ sonderlich Spanien/ dass was anders/ nehmlich eine fünffte Monarchie/ dahinter verborgen waere;"
Ludwig XIV. sei demnach eher mit dem spanischen König Philipp II. zu vergleichen, weil er ebenso wie jener sein Vorhaben mit Gewalt, Schrecken und Verfolgung erreichen möchte. Die eingehende Warnung, dass Frankreich nicht zu viel wagen möge, muss auch in diesem Kontext verstanden werden, da eine offensichtliche Parallele zwischen dem Machtverfall Spaniens und einem möglichen Niedergang Frankreichs gezogen wird, falls man in Versailles nicht von dem eingeschlagenen antieuropäischen Weg abweichen sollte.
(rf)

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