Anonym [1697] "Cosmographia"

Kleine Cosmographia oder Summarische Beschreibung der gantzen Welt.
Von vier Theilen der Erden/ Asia, Europa, Africa und America. Wie auch Von den vier Elementen/ was darinnen geschicht/ woher die Winde kommen/ von Erdbidem/ Finsternussen/ Sonn und Mond/ von allen Geschoepffen Gottes/ den Engel/ den Himmel/ Gestirn/ Planeten/ wie auch alle Creaturen erschaffen/ und wieder ein End nehmen.
Nuernberg/ gedruckt bey Joh. Jonathan Felseckers seel. Erben/ 1697.

Zitierweise: Rolf Felbinger: Quellenautopsie "Anonym (1697) Cosmographia", in: Europabegriffe und Europavorstellungen im 17. Jahrhundert. Web-Projekt, Wolfgang Schmale (Dir.).
https://europaquellen.univie.ac.at/einzelansicht/news/anonym-1697-cosmographia/

Schlagworte: Dialog; Grenze; Kompendium; Kosmographie; Weltteil;

Fundort: BSB / Oecon. 1388 t

A) KurzbiographieB) Beschreibung der Quelle C) Europabegriff und -vorstellung des anonymen Verfassers

 

A) Kurzbiographie

[Anonymer Verfasser]

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B) Beschreibung der Quelle

Die anonym publizierte, gelegentlich falsch paginierte Quelle im Duodez-Format beinhaltet neben dem, mit einer schlichten Merkur- und Engelillustration versehenen Titelblatt und einer einseitigen Vorrede 23 Kapitel, die ebenfalls teilweise falsch nummeriert sind und sich inhaltlich mit verschiedenen Wissensbereichen auseinandersetzen. Aus der Vorrede ist zu erfahren, dass der Autor den Anspruch erhebt, eine Art deutsches Kompendium vorzulegen ("Dieses Buechlein heist Aurata gemma, das ist/ ein Erleuchter der Teutschen/ dann man findet hierinnen Lehren/ die in andern Buechern verborgen seynd/ gar schoen und fein erklaert/ auch was man in andern Buechern dunckels und unverstaendiges geschrieben/ das erklaert uns dis Buechlein in aller Kuertz/ davon ein Mensch Weißheit ueberkommen kan/ und was in der Schrifft weit muß zusammen suchen/ das ist hierrinnen mit wenig Worten begriffen. Gott der je war/ und allzeit ist ohne End/ der sey des Buechleins ein Anfang."), das dem Leser in kurzer Zeit Einblicke in vielen Sektionen verschaffen soll. Die folgenden Kapitel sind stets nach dem gleichen Schema aufgebaut und geben die zu vermittelnden Inhalte in einer ebenso einfachen wie direkten Dialogstruktur zwischen einem "Magister" (Lehrer) und "Discipul[us]" (Schüler) wieder. Neben der Beschreibung der vier Erdteile kommen hierbei in erster Linie astronomische, biologische, geologische, physikalische und theologische, meist mit phantasievollen Vermutungen gepaarte Beobachtungen und Fakten zur Sprache. So wird die Erschaffung von Adam und Eva, die Lage und Beschaffenheit von Paradies und Hölle, die göttliche Dreifaltigkeit oder die heilige Stadt Jerusalem ebenso thematisiert wie die Eigenschaften der Planeten oder die Entstehung von Donner, Erbeben und Finsternis.
Die aufgrund ihrer Material- und Druckbeschaffenheit als Gebrauchsschrift zu verstehende "Kleine Cosmographia" aus dem Jahr 1697 reiht sich in eine größere Anzahl von Schriften gleichen oder ähnlichen Charakters ein, die seit etwa Mitte des 16. Jahrhunderts Beliebtheit erringen konnten. Zeitlich und thematisch recht nahestehende Drucke bilden beispielsweise eine Augsburger Kosmographie aus dem Jahr 1655 ("Prospectus mundi"; Übersetzung eines Werkes von Giuseppe Rosaccio) sowie deren in Nördlingen herausgegebene Überarbeitung des Jahres 1672.

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C) Europabegriff und -vorstellung des anonymen Verfassers

Die Beschreibung der Erdteile "Asia, Europa, Africa und America" findet in den Kapiteln VI, VII, XI, XII und XIII statt. Auf die Frage des Discipuls "Ich moechte auch gerne wissen/ in wie viel Theil die Welt getheilet?" antwortet der Magister: "Die Welt ist in fuenff Theil getheilet/ ein Strassen gehet mitten durch die Welt/ die ist also verbrennet von der Sonnen/ dass kein Mensch darinnen wohnen kan/ die andern zwo Strassen seynd nicht zu bauen/ die Ursach ist/ daß die Sonn darein nimmermehr wohl scheinet/ die zwo Strassen so da mitten seynd/ die seynd zu bauen/ also sollst Du wissen/ daß in dieser Welt mehr nicht zu bauen ist/ als der dritte Theil. ... Er ist getheilet in vier Theil: Ein Theil Asia/ das andere Europa/ das dritte Africa/ und das vierdte America."
Die recht unstrukturierten Informationen, die der Lehrer dem Schüler in der Folge zukommen lässt, sind größtenteils antiken und biblischen Quellen entnommen und vor allem in Bezug auf Asien, Afrika und Amerika mit erfundenen, partiell aufsehenerregenden Schilderungen zu Land und Leuten, Flora und Fauna oder Sitten und Gebräuchen aufgestockt: "India/ das heißt nach den Wasser Indus/ aus einem Berg entspringt dasselbe/ heist Cancassus/ das Wasser rinnt in das rothe Meer. In Asia ist ein Theil der Mohren liegt im Auffgang der Sonnen/ da an das Ethyopien gegen Mittag stoesset/ heist jetzund India/ ein grosser Theil der Welt/ an etlichen Orten aus Hitz der Sonnen unbewohnt. Es hat viel und mancherley Gestalten der Leut/ wunderbarliche Sitten/ .../ mehrentheil dieses Volcks gehen nackend/ ihre Scham bedecken sie mit Blaetter/ und ihre Handthierung ist mehrentheils mit Vieh. ... Etliche wohnen in der Wuesten/ und essen allein Schlangen ... etliche haben keinen Kopff/ sondern die Augen und Mund an der Brust/ andere seynd nur an Gestalt Menschen/ sonst allerdings unvernuenfftig/ wie die wilden Thier ... Auch findet man Leut in India mit Hunds= Koepffen/ reden bellend/ etliche haben nur ein Aug uber der Nasen/ andere seynd beyder Gestalt/ Mann und Weib."
Den größten Teil des Buches nimmt die Beschreibung "Europas" ein, dessen "Größe" und "Grenzen" recht vage und analog zum Sonnenstand (in der Reihenfolge Westen - Süden - Osten) definiert werden: "Das andere Theil der Welt heist Europa/ gegen Niederland endet sichs an dem Atlandischen Meer/ gegen Mittag an dem Wendel=Meer/ gegen Aufgang an dem Fluß Tianam. Es ist der kleineste Theil der Welt unter den andern Theilen/ hat in der Breiten nicht mehr als 225. Teutsche Meilen/ in der Laenge/ wie die Buecher sagen/erstreckt es sich in 705. Teutscher Meilen: An Fruchtbarkeit/ guten Sitten/ Maessigkeit des Luffts/ schoenen Staedten/ Schloessern/ und fürnehmlich an Kunstreichen/ Tugendhafften Volck alle andere Theil der Welt übertreffe. ... Africam scheidet der Nilus von Asia/ und das Meer Mediterraneum von Europa/ Asiam aber scheidet der Fluß Tanais [Tianam] von Europa."
Anschließend werden alle Länder und Provinzen (Germania/Teutschland samt seinen Provinzen "Boehmerland, Maehrenland, Oesterreich, Steyermarck, Franckenland, Schwaben=Land, Bayerland, Hessen, Elsaß, Lothringen, Westphalen, Saxonia/Sachsen, Thüringen, Pommern, Schlesien, Littau, Livonia/Lieffland, Prussia/Preussen und die Marck", sowie Moscovia/Moscau, Russia/Reussen, Holland, Seeland, Flandern, Gallia/Franckreich, Schweitz, Engelland/Anglia, Hybernia, Scotia, Hispania, Portugall, Welschland/Italia, Venedig, Polonia/Polen, Hungaria/Ungerland und Graecia/Griechenland), die der Verfasser "Europa" zuordnet, aufgezählt und in sehr unterschiedlichem Ausmaß einzeln beschrieben. Thematisiert werden ihre geographischen Ausmaße und Lagen, die Abstammungen, Physiognomien, Eigenheiten, Sitten und Gebräuche ihrer jeweiligen Einwohner oder auch "landestypische" Bodenschätze und Erzeugnisse, wobei Germania/Teutschland eine besondere Position innehat: "Germania ist vor Zeiten ein rauhes/ grobes Land gewesen/ die Inwohner naehren/ sich mit Vieh/ hatten weder Gold noch Silber: Nun aber ist es also zugericht mit vesten Staedten/ Schlössern/ starcken streitbaren Volck/ darzu seynd sie in allerley Sprachen und Kuensten so sinnreich und fuertrefflich worden/ dass sie alle Voelcker in gantz Europa uebertreffen/ ..."
Da an zahlreichen Stellen Informationen vorgebracht werden, die nicht den Wissensstand der Zeit repräsentieren, liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei dieser "Cosmographia" - zumindest passagenweise - um einen Nachdruck eines wesentlich älteren Werkes gleichen Inhalts handeln könnte. Dieser Eindruck wird sowohl durch die überkommene Dialogstruktur, als auch durch den einleitenden Satz ("Portugall ... das aeusserste Koenigreich Hispaniens") bei der Schilderung Portugals verstärkt, der, je nach Auslegung des Begriffs "Hispanien" (im Sinne der gesamten iberischen Halbinsel oder im Sinne des spanischen Königreiches), auf eine Entstehungszeit aus der spanisch-portugiesischen Personalunion (1580-1640/1668) hinweisen würde. Andererseits lassen sich stellenweise auch Indizien ("Die Haupt=Stadt [Hungarias]/ da die Könige regiert hatten/ist Ofen; wurde An[no]. 1686 im August Monat denen Tuercken/ durch Kayser Leopoldi I. mit stuermender Hand/ wieder abgenommen.") finden, die Rückschlüsse auf die Aktualität der Schrift erlauben. Da über die Rezeption des Buches, das sich sicherlich nicht an eine gebildete oder akademisch geschulte Leserschaft gewannt hat, keine Informationen vorliegen, kann nur vermutet werden, dass die dargelegten Beschreibungen und damit auch die Schilderung "Europas" allgemein akzeptiert werden konnten, weil Informationen generell rar und nicht überprüfbar waren. Die individuellen Vorstellungen der Leser ließen somit noch einen gewissen Spielraum des Imaginär-Phantastischen zu.

(rf)

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