Herman Conrad Freiherr zu Friedenberg [1620]

Herman-Conrad Freiherr zu Friedenberg:
Wolmeinende Erjnnerung/ Von Behauptung des Königs/ und Fürsten Standts, auch Vrsachen/ der Kriege in Europa./ Durch/ Herman Conraden Freiherrn zu Frie=/denberg, Rittern, unnd Comitem/ Palatinum./ An die Könige, und Fürsten, in Lateinischer Sprach/ vnlängst außgangen./ An ietzo aber dem gemeinen Mann zu gutem, auch in die/ Teutsche übersetze./
[s. l.] Gedruckt im Jahr, 1620.

Zitierweise: Alexander Wilckens: Quellenautopsie "Herman Conrad Freiherr zu Friedenberg (1620)", in: Europabegriffe und Europavorstellungen im 17. Jahrhundert. Web-Projekt, Wolfgang Schmale (Dir.). https://europaquellen.univie.ac.at/einzelansicht/news/herman-conrad-freiherr-zu-friedenberg-1620/

Schlagworte: Freiheit; Fürsten; Krieg;

Fundort: ÖNB / 20.T.422

A) KurzbiographieB) Beschreibung der Quelle C) Europabegriff und -vorstellung bei Friedenberg

 

A) Kurzbiographie

Hermann Conrad von Friedenberg ist eines der zahlreichen Pseudonyme des katholischen Philologen und Kontroverstheologen Kaspar Schoppe (auch Scioppius, Gaspar).
Geboren 1576 in Neumarkt in der Oberpfalz als Sohn einer lutherischen Familie studierte Schoppe in Heidelberg, Altdorf und Ingolstadt. 1597 begab er sich nach Prag, wo er zum katholischen Glauben übertrat. 1599 ließ er sich in Rom nieder, wo er im Auftrag des Papstes nicht nur publizistisch tätig war, sondern für die Kurie diplomatische Aufgaben in ganz Europa wahrnahm. Von Schoppe ist unter anderem auch ein Augenzeugenbericht über die Verurteilung Giordano Brunos erhalten. Ab etwa 1610 begann er äußerst aggressive polemische Schriften gegen die Protestanten im Reich zu verfassen, insbesondere gegen den Calvinismus. Genauso kritisch wandte er sich auch gegen den Jesuitenorden. 1619 veröffentlichte er das Philipp III. von Spanien gewidmete Consilium Regium und gleichzeitig die Schrift Classicum belli sacri, in welcher er zum Heiligen Krieg gegen die Calvinisten aufrief. Unter den zahllosen konfessionellen Streitschriften im Vorfeld des Dreißigjährigen Krieges nahm dieses Werk aufgrund seiner Schärfe eine herausragende Stellung ein und trug zur Verhärtung der konfessionellen Fronten im Reich bei. Der Autor klagte die Calvinisten an, den Augsburger Religionsfrieden zu untergraben und auf einen Bürgerkrieg hinzuarbeiten und erklärte ihre Verfolgung und Ausrottung geradezu zur Pflicht der Fürsten.
Schoppes Einfluss und Erfolge trugen ihm die Titel eines römischen Patriziers, Grafen von Clara Valle und kaiserlichen Rats ein. Jedoch führten ihn seine seit 1630 immer heftiger werdenden Polemiken gegen die Jesuiten in eine zunehmend isolierte Position und resultierten schließlich im Entzug der Protektion von Kaiser und Papst. Seit 1636 lebte er zurückgezogen auf venezianischem Territorium in Padua, wo er 1649 auch verstarb.
Laut dem Allgemeinen Gelehrten=Lexikon von Jöcher (1751) verfasste Schoppe "mehr Bücher als er Jahre gehabt". Die Angaben schwanken, sein Oeuvre umfasste vermutlich mehr als hundert, oft anonym oder unter verschiedensten Pseudonymen veröffentlichte Titel.

 

Literatur:

  • Deutsches Biographisches Archiv, Neue Folge, Mikrofiches-Edition, NF 1208.
  • Jaumann, Herbert (Hg.): Kaspar Schoppe (1576-1649), Philologe im Dienst der Gegenreformation, (= Zeitsprünge, Forschungen zur Frühen Neuzeit, Bd. 2, Heft 3/4) Frankfurt a. M., 1998.
  • Jöcher, Christian Gottlieb: Allgemeines Gelehrten=Lexicon, 4. Theil, Leipzig 1751, Sp. 421-425.

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B) Beschreibung der Quelle

Die vorliegende Quelle erschien zuerst 1619 in lateinischer Fassung mit dem Titel:
Oratio paraenetica, de auctoritate regum et principum asserenda, et bellorum causis in Europa/ ab Hermanno Cunrado Barone in Friedenberg etc. missa ad Reges et Principis. [o. O.] 1619.
Noch im selben Jahr erschien eine vom Autor besorgte deutsche Übersetzung, die dann 1620 neugedruckt wurde. Weder Ort noch Verleger sind bekannt. Eine etwas veränderte Fassung erschien auch 1620 mit dem Titel:
Eine kurtze und trewhertzige Vermahnung an alle König, Fürsten und Potentaten, wie dieselben bey ihrer authoritet, hochheit und wolstandt zuerhalten und von den Ursachen der... gefährlichen Kriegßempörungen... / Herman Conrad Freyherr in Fridenburg [s.l.], 1620.
Die lateinische Version findet man auch in Zusammenhang mit dem folgenden bekannten Werk Kaspar Schoppes:
Consilium regium, in quo a duodecim regibus et imperatoribus Catholico Hispaniarum regi demonstratur, quibus modis omnia bella feliciter profligare possit/ Gaspar Scioppius. - Molshemii: Hartmanni, 1620.
Von dieser Version findet sich auch eine Übersetzung ins Deutsche aus der Feder der Schriftstellerin Martha Salome à Belta:
Discordista sive Secundus Scioppius: hoc est Oratio paraenetica; oder Deß H. Römischen Reichs Feind, und newer Friedenstörer. Das ist: Ein auffrührische Erinnerungs Sermon an alle Könige und Fürsten... / Hermann Konrad Freiherr von Friedenberg, Warnstatt: Richter, 1620.
Die genannte Schriftstellerin ließ im selben Jahr eine Gegenschrift veröffentlichen:
Militis togati Anatomia: Oder Böhmischer Warsager; welcher inn sechserlej Gesprächen, Augenscheinlich darthut und erweist, das der jetzige Krieg, nicht von den Lutheranern oder Calvinisten, sondern von den Papisten und Jesuiten vor vilen Jahren angesponnen... worden... / von der Martha Salome von der Belta... dem Hermanno Cunrado in Friedenberg... zugeschickt, Gedr. zu Warnstat durch Judith Richterin, 1620.

Schoppes Schrift enthält weder ein Inhaltsverzeichnis noch Kapitel und ist fortlaufend in Form einer Denkschrift verfasst, die sich auf 23 Seiten erstreckt. Wie aus dem Titel schon ersichtlich, richtet sie sich an Könige und Fürsten, um sie zur Verteidigung und Aufrechterhaltung ihrer rechtmäßigen Herrschaft zu ermahnen, die seit dem Ausbruch der böhmischen Unruhen 1618 mehr denn je vom "democratischen Regiment" der Vereinigten Niederlande bedroht wird.
Zwei Gründe hätten ihn, Schoppe, zum Schreiben bewogen: Seine langjährige Erfahrung im militärischen Dienst, wo er "alle hohe Befelch bedienet", die ihn "leichtlich alles Verdachts der Ruhmsuchtigkeit entheben", und das Alter (er soll über achtzig Jahre alt sein), welches ihn zu keinem Konkurrenten um Stand und Ehrentitel der Räte macht, so dass er den Fürsten bittet, "ganz vnterthänigst/ ihr wöllet meine Meynung/ welche ich ohne eynige Hoffnung vnd Forcht/ Glücks oder Unglücks/ vber das jenige/ in welche ich die Zeit meines Lebens zugebracht/ wie ich ein solches vor dem gestrengen Richterstuhl Christi deß Herzen fürderlichst werde verantworten müssen/ euch vortragen will /gnädigst anhören."

Mittelpunkt seiner Ausführungen sind die Ursachen der Kriegszustände in Europa, die eigentlich bekannt sein dürften: "nemblich der Geiz/ die unmessige Begierde zu herrschen/ und die erschröckliche grawsambkeit deß Aberglaubens". Spezifischer gemeint wird das Vorhaben derjenigen, die möchten, "daß die Democratische unnd Aristocratische/ das ist die Regimenter auffkommen/ in denen viel (wollte GOTT nicht mehr ihrem Priuat/ dann dem gemeinen Nutzen zu gutem) regieren/ hergegen das Monarchische oder König= und Fürstliche Regiment/ da nemlich der höchste Gewalt bey einer Personen allein bestehet/ ruinieret und abgestellet werden." Diese "mit Haß der Könige angefüllte Gemühter" sind nicht andere als die Machthaber in den Vereinigten Provinzen der Niederlande, die, inspiriert durch den Erfolg des "democratischen Regiments" in Venedig und in der Schweiz, diese Regierungsform überall einzuführen trachten. Da für den Verfasser das Treiben der Niederländer die Ursache für alle Kriege ist, gibt er detailliert Auskunft darüber, wie ihr Regiment zustande gekommen ist. Dabei soll nicht die Religion der Grund für den niederländischen Aufstand gewesen sein, sondern die Machtgier einiger Untertanen, die wie in Venedig als Gruppe die Macht an sich reißen wollten. Schoppe beschreibt auch die von den Niederländern angewandten Methoden zur Verbreitung ihrer Regierungsform, wobei er dem Vorgehen ihrer Gesandten in den anderen Ländern die größte Wichtigkeit beimisst: "Sie haben drey Maurbrecher/ mit denen sie die Monarchische Regiment beschiessen. Die Calumnien vnnd Schmachreden/ mit denen sie die König vnnd Fürsten verhasset machen/ die Auffruhr/ welche sie bey den Vnderthanen erwecken/ und die Krieg der Benachbarten." Die böhmische Rebellion, die jetzt ganz Europa in Krieg versetzt, sei das beste Beispiel ihres Einflusses. Um mit der böhmischen Rebellion ein Ende zu machen und dem Einfluss der Niederländer einen Riegel vorzusetzen ruft Schoppe die Könige und Fürsten auf, aus ihrem Schlaf aufzuwachen und ihre Majestät und Hoheit zu verteidigen, denn "was die Holländer vnderstanden/ das werden die Engelländer auch wagen dörffen. Was die Böhmen zum Werk gerichtet/ zu einem solchen wirdt den Sachsen/ weder an Leuten/ oder Mitteln manglen. Wer den Auffrührischen beystehet/ der lehret seine Vnderthanen Auffstandt erregen. Wer den Außländern/ wann sie ihre Obrigkeit schänden/ gutwillig zuhöret/ der eröffnet daheym den Seinigen Thür vnnd Thor/ Auffruhr anzurichten. Wann ihr einem König durch ewren den Auffrührischen geleisteten Beystandt/ von seinem Thron abwerffet/ so werden sie gewisslich hernacher ewre Vnderthanen/ wider euch in die Wehr bringen."

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C) Europabegriff und -vorstellung bei Friedenberg

Der Terminus "Europa" erscheint im Text nur ein paar Mal und wird nicht thematisiert, stellt aber den Bezugsrahmen für die Ausführungen des Autors über Krieg und Frieden. Am Anfang der Schrift klagt Schoppe, dass er "sehen muß daß nunmehr bey hundert Jahren hero/ ganz Europa/ theils von innwendigen Kriegen gestürzt/ theils von deren Forcht und Bereitschaft verderbt wird." Schuld an diesem allgemeinen Kriegszustand in Europa seien, wie schon oben vermerkt, die Gier und Herrschsucht sowie die erschreckende Grausamkeit des Aberglaubens. Früher habe es auch Kriege gegeben und fromme und gottselige Fürsten hätten notwendigerweise Krieg führen müssen. Nun finde man aber auch bei frommen Königen und Fürsten die Begierde, Land und Leute zu mehren, so dass das allerbeste Vorhaben bemakelt wird. Wenn diese giftigen Gedanken und unzulässigen Begierden in den Herzen der Könige und Fürsten keinen Platz finden, so doch bei ihren Räten und Befehlshabern. Deswegen werden rechtmäßige Kriege "doch gemeiniglich lästerlich geführt/ vnd erbärmlich geendet/ daß also/ wie vor Alters/ ein jeder auß Priuat Vrsachen/ zu dem Krieg bewegt wirdt/ welche bißweiln rechtmessig vnd billich/ bisweilen Gottloß/ selten also gut, daß nichts böses darunder verborgen lige". Zu diesem gottlosen Zustand sei es gekommen wegen der Unwissenheit, der Unbedachtsamkeit und der verfluchten Trägheit der Könige und Fürsten, "an deren aller Königreich vnd Landen Wol= vnd Vbelstande gelegen ist". Durch diese Art des Regierens gelange man zu den ehrlosen Kriegen, die dazu noch die Wirkung haben, "daß nemlich die König vnnd Fürsten dardurch umb ihre Landt und Leuth kommen/ die Manier vnd Art zu regieren ver=wandlet/ die Diener den Herrn auff den Hals geladen/ vnnd zu Regenten gemacht/ vnd wann endtlich beyde Theyl durch Würgen vnd Vmbbrin=gen deren Vnderthanen außgemattet/ das Türckische Joch vber gantzes Teutschlandt eingeführet werde." So ist Europa und ganz speziell das Reich deutscher Nation, die eigentlich in Frieden und Recht leben sollten, wegen dem internen Kriegszustand der Expansion der Türken wehrlos ausgesetzt.

Die Ursachen für den Kriegszustand in Europa findet Schoppe - wie oben angeführt - in dem Vorhaben der Niederländer, ihr "democratisches" Regiment überall aufzuzwingen, so dass man befürchten muss, "wo fern nur diesen ihr Vorhaben glücklich außschlagen wird/ wird man baldt in diesen herrlichen Landen von keinem König mehr zusagen wissen". Um das zu erreichen schrecken die Holländer nicht davor, sogar ihre besten Freunde anzugreifen, wie es schon mehrmals mit Frankreich und England der Fall war. Jetzt bedrohen sie durch die böhmische Rebellion nicht nur die Habsburger, sondern das ganze Reich. Und alles geschehe im Namen der Freiheit. Von allen Völkern, die unter dem Gehorsam eines Königs lebten, seien die Böhmen die freiesten gewesen. Doch haben sie ihre vorgesetzte Obrigkeit aus dem Fenster gestürzt. "Gleich darauff kommen die Stadische Gesandten/ verheissen ihnen Hülff vnnd Beystandt/ verhetzen andere Fürsten/ vnnd damit sie ein Herromnes Regiment anstellen/ machen sie Directores, vnd herrschen nach ihrem Gefallen." Doch die Böhmen selbst "vertrawen ihren Anfängern vnnd Auffwicklern ihre Freyheit nicht (wiewol was ist es vor eine Freyheit/ von 30 Directoren vnd Tyrannen mit Stewer außgesogen/ mit stettiger Arbeit geplaget/ mit so vielen Kriegsvolck vnderdrucket zu werden) glauben auch weder denselben/ oder ihren Obristen." Die Art von Freiheit also, die von den Niederländern verkündet wird, ist eigentlich das Gegenteil. Schoppes Aufruf, das Europa der Könige und Fürsten zu verteidigen und aufrechtzuerhalten bedeutet letztendlich, das Europa des Friedens und der Freiheit zu beschützen.

(A:jk; B/C:aw)

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