Sir Edwin Sandys [1637]

Evropæ Specvlvm Or, A View Or Svrvey Of The State Of Religion in the Westerne parts of the world. Wherein the Romane Religion, and the pregnant policies of the Church of Rome to support the same, are notably displayed: with some other memorable discoveries and Commemorations. Published according to the Authours Originall Copy,
and acknowledged by him for a true Copy.
Multum diuque desideratum.
London, Printed by T. Cotes, for Michael Sparke, and are to be sold by George Hutton,
at the Turning stile in Holborne, 1637.

Zitierweise: Rolf Felbinger: Quellenautopsie "Sir Edwin Sandys (1637)", in: Europabegriffe und Europavorstellungen im 17. Jahrhundert. Web-Projekt, Wolfgang Schmale (Dir.). https://europaquellen.univie.ac.at/einzelansicht/news/sir-edwin-sandys-1637/

Schlagworte: Abhandlung; Einheit; Konfessionen; Papsttum; Religionen; Streitschrift;

Fundort: BSB / Film R 360-1361

A) KurzbiographieB) Beschreibung der Quelle C) Europabegriff und -vorstellung bei Sandys

 

A) Kurzbiographie

Edwin Sandys wurde am 9. Dezember 1561 als Sohn des Erzbischofs Edwin Sandys und dessen zweiter Ehefrau Cicely Wilford in Worcestershire geboren. Im Alter von zehn Jahren begann er mit dem Besuch der dortigen "Merchant Taylor"-Schule, bevor er sich 1577 für ein juristisches Studium entschied und am "Corpus Christi College" in Oxford einschrieb, das er auf Wunsch der Familie ausgewählt hatte. Seine akademischen Graduierungen stammen aus den Jahren 1579 (B.A.), 1583 (M.A.) und 1589 (B.C.L.). Noch während der Studienzeit errang er erstmalig einen Platz im englischen Parlament, in dem er in der Wahlperiode von 1586 bis 1588 als Abgeordneter für Andover und 1588/89 sowie 1592/93 als Abgeordneter für Plympton (Devonshire) vertreten war. Nach der Auflösung des Parlaments im Jahr 1593 begleitete er seinen Jugendfreund George Cranmer auf dessen kontinentaler Tour, die sie hauptsächlich nach Frankreich, Italien und ins Deutsche Reich führte. Während Cranmer nach etwa drei Jahren nach England zurückkehrte, trat Sandys erst 1599 seine Heimreise an. In dieser Periode entstand auch die Schrift "Evropæ Specvlvm", die lange Zeit nur in Form des Originalmanuskripts existierte. Nach dem Tod der Tudorkönigin Elisabeth I. reiste er nach Schottland und begleitete den Thronfolger James/Jakob I. (IV.), der Sandys in den Ritterstand erhob, nach London.
Bereits in der nächsten Parlamentsperiode war er erneut als Abgeordneter (für Stockbridge in der Grafschaft Hampshire) vertreten und nahm, obwohl er bisher als "government man" galt, rasch eine führende Stellung im "House of Commons" ein. In den anschließenden zehn Jahren engagierte sich Sandys im Bereich der englischen Innen-, Handels-, Rechts- und Religionspolitik und trat als Angehöriger der "Gentry" häufig in entschiedener Opposition zu offiziellen Regierungspositionen auf. Da er in diversen Ausschüssen vertreten war, kämpfte er unter anderem gegen die Missstände in den großen Handelskompanien, befürwortete die Liberalisierung des Handels, setzte sich für rechtliche Verbesserungen im Gefängniswesen ein und vertrat mit Vehemenz die Idee der parlamentarisch-demokratischen Monarchie. Sandys Einstellung nahm viele Elemente des "Cardinal dogma" der späteren Liberalen Partei (Whigs) vorweg und begründete seinen permanenten Konfrontationskurs gegenüber dem, nach absoluter Macht strebenden, Monarchen, der ihn einige Jahre später sogar für kurze Zeit in den Tower (1621) bringen sollte. Eine seiner bemerkenswert mutigen Reden löste die Parlamentskrise von 1614 mit aus und brachte ihn vor einen Untersuchungsausschuss, der allerdings ohne tiefgreifende Folgen blieb.
Da in den nächsten sechs Jahren kein neues Parlament einberufen wurde, widmete sich Sandys kolonialen Angelegenheiten und trat - neben der "Virginia Company", der er bereits seit 1607 angehörte - sowohl der "East India Company" (1614) als auch "Somers Islands Company" (1615) als Mitglied bei. Im Jahr 1619 übernahm er das Amt des Schatzmeisters innerhalb der "Virginia Company" und schuf durch seine Reformpolitik (Strukturplanung und Organisation der Besiedelung, Manufakturförderung usw.) die Grundlagen der erfolgreich verlaufenden Kolonialisierung Virginias. Die als sicher angenommene Bestätigung seiner Person im Amt wurde bereits im Sommer 1620 durch eine berüchtigte Intervention ("Choose the devil if you will but not Sir Edwin Sandys!") des Königs verhindert, der darüber hinaus die Gründungsakte der Kompanie vier Jahre später annullierte. Seinen letzten Lebensabschnitt verbrachte er als erfolgreicher Kandidat (1620/21, 1623/24, 1625/26) diverser Wahlkreise erneut im Unterhaus und kümmerte sich verstärkt um die Angelegenheiten der "East India Company". Sir Edwin Sandys, der mit insgesamt vier Ehefrauen zwölf Kinder hatte, starb im Oktober 1629 und wurde in der Kirche von Northbourne begraben.

Literatur:

  • Dictionary of National Biography, vol. 50, London 1897, S. 286-290.
  • Canny, Nicholas (ed.): The Origins of Empire. Oxford 1998. (= The Oxford History of the British Empire; 1)
  • Rabb, Theodore: Jacobean gentleman: Sir Edwin Sandys, 1561-1629. Princeton 1998.

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B) Beschreibung der Quelle

Edwin Sandys vollendet seine Abhandlung laut einem eigenhändigen Vermerk in Paris am 9. April 1599, nachdem er etwa sechs Jahre den Kontinent bereist hat und vor seiner Rückkehr nach England steht. Mehrere Jahre existiert lediglich das Originalmanuskript seiner Arbeit, bevor es 1605 entwendet und ohne Einwilligung des Autors publiziert wird. Sandys erwirkt noch im gleichen Jahr eine gerichtliche Verfügung, welche die weitere Verbreitung verbietet und dazu führt, dass fast die gesamte Erstauflage am 7. November 1605 verbrannt wird. Die vorliegende Ausgabe von 1637 bezieht sich auf eine Überarbeitung aus dem Jahr 1613, die nach Angaben des Herausgebers von Sandys autorisiert wurde. Sie erscheint ebenso wie alle anderen englischsprachigen Ausgaben des "Evropæ Specvlvm" posthum (1629, 1632, 1638, 1673, 1687), wohingegen italienische (1625) und französische Übersetzungen (1626) bereits zu Lebzeiten des Verfassers in gedruckter Form vorliegen.
Die verwendete Londoner Ausgabe von 1637 wurde im Jahr 1973 von einer amerikanischen Reproduktionsfirma (XUM, Ann Arbor, Michigan) auf Mikrofilm kopiert und beinhaltet neben dem umfangreichen Abhandlungstext ein Titelblatt, eine als Motto dienende Illustration, ein Vorwort des Herausgebers sowie ein Inhaltsverzeichnis. Das Titelblatt enthält neben den herkömmlichen Angaben einen lateinischen Sinnspruch, der aufgrund der beeinträchtigten Druckqualität nicht einwandfrei gelesen werden kann, vermutlich aber "Multum diuque [?] desideratum." ("Vieles ist seit langer Zeit [?] zu wünschen.") heißen soll. Ihm folgt eine Bildillustration (wahrscheinlich Holzschnitt), die in achsensymmetrischer Anordnung ein engelartiges Wesen mit Sense, einen Knochenmann mit Lanze und ein Stundenglas auf einer tragenden Säule zeigt, die zu dritt ein mächtiges Buch stützen. Der obere Bildrand lässt außerdem die Umrisse zweier Schließen erkennen, so dass die gesamte Komposition als Einband oder Umschlag eines noch größeren Buches (evtl. "Buch des Lebens") gedeutet werden kann, in dem die Zeit gefangen zu sein scheint. Die dabei seit dem Spätmittelalter häufig verwendeten "memento mori"-Symboliken wie Knochenmann und Stundenglas werden in diesem Zusammenhang durch den dauerhaften Charakter des geschriebenen Buches entwertet, das nicht an die zeitlich begrenzte Existenz des Menschen gebunden und daher so mächtig ist, dass es den ewigen Kreislauf von Leben und Tod zu durchbrechen vermag. Sinngemäß erfährt der illustrierte Inhalt Unterstützung durch ein vierzeiliges Gedicht, das entlang den Seiten des Bildes gedruckt wurde und seine Bezüge erläutert:

"Study me in thy Prime
B[?]ury Death and weary Time.
The Glasse doth Runne, and Time doth Goe,
Death hath his End I have not so."

Das an den Erzbischof von Canterbury, John Whitgift, gerichtete Vorwort nennt erstmals den Namen des Autors ("Sir Edwin Sandys Knight") und erklärt den bisherigen Verlauf der Druckgeschichte seines Werkes sowie die Gründe der neuerlichen Veröffentlichung, wobei er zur Akzeptanz der Schrift vermerkt, dass sich wohl nur der verderbte Papst gegen den Inhalt auflehnen werde können. Anschließend erlaubt das Verzeichnis ("The Contents, or the severall heads") einen Überblick über die abgehandelten Themen und ihre quantitative Beschaffenheit. Die Beschreibung des römischen Papsttums ("Ecclesiasticall Government", "Choise of their Cardinals", "present state of the Papacy" etc.), des Katholizismus und des Ordenswesens ("Religious Orders", "Multitude of Fryers", "Spirituall Fraternities" etc.) belegen dabei etwa drei Fünftel, während die Auseinandersetzung mit den katholischen und reformierten Nationen Europas etwa ein Drittel des Inhalts ausmacht. Darüber hinaus räumt Sandys noch einige Seiten den "restlichen" Religionen bzw. Konfessionen des Kontinents (Islam, Judentum, Orthodoxe Kirchen) ein, welche die Abhandlung schließen. Auffällig ist die für einen englischen Verfasser dieser Zeit recht tolerante Einstellung Sandys, der sich zwar gänzlich gegen das römische Papsttum wendet, aber gelegentlich sogar positive Aspekte des Katholizismus vermerkt. Seine fundierten Beschreibungen fruchten einerseits aus seinen langen Aufenthalten in Frankreich, Italien und dem Deutschen Reich, und andererseits aus seinen vielfältigen Reisebekanntschaften und Korrespondenzen, unter anderem mit seinem späteren Übersetzer Paolo Sarpi, der bei der Entstehung des "Evropæ Specvlvm" mitwirkte.

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C) Europabegriff und -vorstellung bei Sandys

Sandys Blick auf "Europa" wird fast vollständig von der konfessionellen Zerrissenheit des europäischen Christentums an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert bestimmt. Sein Spiegelbild ("speculum") Europas zeigt demnach die zwei verfeindeten christlichen Lager des Kontinents, wobei das eine aus den (vorrangig) katholischen Nationen besteht, die zum Einflussbereich des Papstes zählen, und das andere die (vorrangig) reformierten Länder vereinigt. Zur ersten Gruppe zählt Sandys neben Italien (als Sitz des Papsttums), Spanien (das seit 1580 mit Portugal in Personalunion verbunden ist), Frankreich, das Deutsche Reich (in Verbindung mit dem Kaiser, dem Haus Habsburg und den österreichischen Erblanden), die Niederlande (die er zu zwei Dritteln dem Papst zuschreibt und dabei keinen Unterschied zwischen den Spanischen Niederlanden und den Generalstaaten macht), Polen (das nicht näher beschrieben wird), Lothringen und Savoyen, während er zur zweiten Gruppe England, Schottland, Dänemark, Schweden und die Schweizer Kantone (zu zwei Dritteln) zählt. Die jeweilige Intensität seiner Beschreibungen lässt vermuten, dass er primär auf seine eigenen Reiseerfahrungen als Quelle zurückgreift. So ließe sich erklären, warum er der Beschreibung der italienischen, französischen und deutschen Verhältnisse besonders viel Raum zumisst, während er z. B. Polen, Dänemark, Schweden, die Niederlande oder die Schweizer Kantone vernachlässigt. Was die Beschreibung Spaniens angeht, so gesteht er zu Beginn, dass er es nie selbst bereist und seine Informationen über andere ("wherein though my selfe have never beene, yet by manifold enquiry and information from some of their owne, and from others who have been in it, men of knowledge and credit;") bezogen habe.
Neben dem Katholizismus, auf dem sein Hauptaugenmerk liegt, und den reformierten Konfessionen, die mehr oder weniger als homogene Gruppe behandelt werden, erläutert Sandys auch einige Merkmale der griechisch- sowie der russisch-orthodoxen ("muscovites") Kirche und thematisiert darüber hinaus das Judentum. Seine Erfahrungen resultieren dabei in erster Linie aus dem Kontakt mit orthodoxen und jüdischen Gläubigen in Italien. Der Status, den Edwin Sandys diesen "abweichenden" Glaubensrichtungen in den - mit "Europe" gleichgesetzten - "westerne parts of the world" einräumt, bleibt jedoch stets schwammig, vor allem, weil sie an das Ende der Abhandlung gesetzt wurden und notgedrungen abgehandelt wirken.
In Verbindung mit der aktuellen Türkengefahr, die auf dem Kontinent (v. a. in Italien und dem Reich) naturgemäß bedrohlicher eingestuft wird als in seiner englischen Heimat, kommt der Verfasser schließlich auch auf den christlichen Einheitsgedanken zu sprechen. Aufgrund der gegenwärtigen Spannung zwischen den Konfessionen glaubt er aber nicht an eine friedliche Einheit des Christentums, doch schlägt er andere Formen der Einheit vor, welche die Lage in Europa entspannen könnten: "Since there is no appearance of ever forcing a Vnity, unlesse Time which eates all things, should bring in great alterations: it remaineth to bee considered, what other kinde of Unity poore Christiandome may hope for, whether Vnity of Verity, or Vnity of Charity, or Vnity of Perswassion, or Vnity of Authority; or Vnity of Necessity; there beeing so many other kinds and causes of concord." Es sei folglich ein Fehler zu glauben, dass die christliche Einheit unter der Oberhoheit des Papstes wieder hergestellt werden könne. Wenn die christliche Welt Europas sich gemeinsam gegen die Türken stellen soll, dann sei dies vielmehr die Sache der europäischen Fürsten ("It remaines that Princes take the matter in hand, and constraine the Pope and others to yeild to some such accord. Indeed this were an onely right way to effect it."), als die der Kirche.

(rf)

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